Nachlass Karl Ulmer / Karl Ulmer's Posthumous Writings
[Bedeutung] Karl Ulmer (1915-1981) war Schüler Martin Heideggers (1889-1976) und mein Lehrer. Für Ulmer war eine völlig neue Lage in der Philosophie entstanden, nachdem im 19. Jahrhundert die zweieinhalbtausendjährige Tradition der Metaphysik ihre Glaubwürdigkeit verloren hatte, im 20. Jahrhundert mit dem nationalsozialistischen Regime die schwersten Gräuel über die europäische Menschheit hereingebrochen waren und Heidegger selbst sich, vielleicht aufgrund seiner Philosophie, zeitweise dem Nationalsozialismus angeschlossen hatte, ohne das je öffentlich zu bedauern. Die Philosophie aber sollte dem Leben der Menschen und den Wissenschaften neuen Halt geben. So musste man mit ihr von Grund auf neu anfangen. Sie sollte nach Ulmer „Weltorientierung“ sein, nicht mehr nach einem wie immer gedachten abstrakten Sein fragen, sondern klären, wie die Menschen mit der verwirrenden Vielfalt der Welt zurechtkommen. So brachte Ulmer eine erste Philosophie der Orientierung auf den Weg. Er tat das sehr eindrucksvoll und mit hoher persönlicher Unbestechlichkeit und Autorität. Sein früher Tod infolge einer langen schweren Erkrankung verhinderte, dass er seine Arbeit daran abschließen konnte. Auch wenn die Philosophie der Orientierung inzwischen einen anderen Weg gegangen ist, abweichend sowohl von Heidegger als auch von Ulmer, haben beide doch durch ihr eigenes Philosophieren ebenso wie durch ihre lebenslange tiefe Auseinandersetzung mit der großen Tradition der europäischen Philosophie hohe Maßstäbe für die gegenwärtige philosophische Erschließung einer noch weit komplexer gewordenen Welt gesetzt. An Karl Ulmers Philosophie, mit der er über Heidegger hinauskommen wollte, kann man einen Versuch studieren, ihnen auf neue Weise gerecht zu werden. Man kann daran, mit Kant zu sprechen, philosophieren lernen.
[Leben] Am 24. August 1915 in Hamburg geboren, studierte Karl Ulmer zunächst in seiner Heimatstadt, dann in Freiburg bei Heidegger und zwischenzeitlich in Köln Philosophie und daneben Geschichte, Mathematik und Physik. Er hatte sich nach seinem Abitur am Hamburger Johanneum in einer schweren Lebenskrise für die Philosophie entschieden, von der er Sinn und Halt in seinem Leben erwartete. Von Ideologien hielt er sich stets frei; er war niemals Mitglied der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen. Während der sechs Kriegsjahre war er als Offizier an der Front, lange in Russland, und wurde mehrfach ausgezeichnet. Er schaffte es, in Lazarettaufenthalten und Fronturlauben seine Dissertation zur „Bedeutung der Kopula bei Aristoteles” zu verfassen, mit der er von der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln zum Doktor der Philosophie, ebenfalls mit Auszeichnung, promoviert wurde. Danach arbeitete er unter denselben Bedingungen seine Habilitationsschrift zu den „metaphysischen Voraussetzungen der modernen Technik” aus, die von Heidegger angeregt und betreut wurde. Mit Heideggers tatkräftiger Hilfe habilitierte er sich wiederum unter abenteuerlichen Umständen – die Stadt war schlimm zerstört und man konnte nur schwer zusammenkommen – am 22. Dezember 1944 an der Universität Freiburg. Nach dem Ende des Krieges und des Nazi-Regimes erhielt er die Assistenten-Stelle an Heideggers Lehrstuhl, während diesem selbst wegen seiner Parteivergangenheit Lehrverbot erteilt wurde. 1947 heiratete Ulmer und bekam mit seiner Frau zwei Kinder. Die Ehe vertrug sich kaum mit seiner philosophischen Arbeit, die ihn ganz in Anspruch nahm; sie wurde 1960 geschieden. 1949 wurde er zum Dozenten, 1953 zum außerplanmäßigen Professor in Freiburg ernannt, 1957 an die Universität Tübingen berufen, zunächst auf eine außerordentliche Professur, 1963 auf einen Lehrstuhl für Philosophie. 1970 nahm er einen Ruf an die Universität Wien an, froh, wieder in einer Weltstadt leben und arbeiten zu können. Mitte der 70er Jahre diagnostizierte man bei ihm chronische Leukämie. Er starb am 13. April 1981 in Wien.
[Werk] Nach seinen grundlegenden Untersuchungen zum Sinn des Theoretischen, Praktischen und Technischen bei Aristoteles und weiteren zu Galileis Durchbruch zur modernen mathematischen Naturwissenschaft ging Ulmer seine eigene Philosophie in der schlanken Schrift
- Von der Sache der Philosophie(erschienen 1952 bei Alber in Freiburg)
Hier entwickelte er erste leitende Begriffe zur Orientierung des Menschen in seiner Welt: Horizont und Ferne, Standpunkt und Boden, Anblick und Öffnung.
Da Friedrich Nietzsche (1844-1900) am stärksten zum Umbruch der europäischen Philosophie nach der Metaphysik beigetragen hatte, aber verwirrend unterschiedlich verstanden worden war, widmete Ulmer ihm zur Übersicht eine weitere sehr kompakte Schrift
- Nietzsche. Einheit und Sinn seines Werkes (erschienen 1962 im Francke Verlag Bern/München).
Er hatte sie zuerst 1958/59 in zwei Teilen unter dem Titel „Orientierung über Nietzsche” in der Zeitschrift für philosophische Forschung veröffentlicht.
Zugleich befasste sich Ulmer stark damit, wie die Philosophie orientierend auf die Wissenschaften an den Universitäten wirken kann, die ebenfalls ihre innere Einheit verloren zu haben schien. Die Aufgabe, ihrer Ordnung ein neues philosophisches Fundament zu geben, bezog er in sein nun umfassendes Werk zur "pragmatischen Weltorientierung" ein, die
- Philosophie der modernen Lebenswelt(1972 im Verlag Siebeck/Mohr Tübingen).
Sie sollte zunächst die Grundbestimmungen der "Weltstellung" des Menschen und seines "Weltverstehens" überhaupt klären. In ihnen sind unbestritten die "Weltverhältnisse" des Menschen zu sich selbst, zu Seinesgleichen, zur Natur und, sofern es noch wahrgenommen wird, zum Göttlichen unterschieden; auf sie alle versteht man sich in den Modi des Praktischen, Technischen und Theoretischen. Die vielfältigen konkreten Ordnungen des menschlichen Lebens kann man mit Wilhelm Diltheys (1833-1911) Konzepten der „Selbstauslegung des Lebens“ und der geschichtlich "erworbenen Strukturzusammenhänge" verstehen. So brauchen sie nicht mehr metaphysisch begründet zu werden. Ulmer nahm die pragmatischen Ordnungen des gesellschaftlichen Lebens in Berufsstatisken, Ministerien von Regierungen und den Fächereinteilungen an Universitäten und allgemeinbildenden Schulen zum Anhaltspunkt, sein Schema von "Weltbahnen" an ihnen und zugleich sie an ihm zu überprüfen. So sollte die Philosophie zeigen, dass sie für das alltägliche gesellschaftliche Leben im Ganzen grundlegende Orientierung geben kann.
Die "pragmatische Weltorientierung" aber war nur der Anfang. Sie bereitete für Ulmer die "spekulative Weltorientierung" vor, die er so nannte, weil die Philosophie zuletzt auf ihre eigene Auskundschaftung (speculatio) – nicht ,Spekulation' im negativen Sinn – angewiesen ist und dazu ein eigenes methodisches Rüstzeug entwickeln muss. Ulmer arbeitete unermüdlich an beidem. Seine Krankheit und sein früher Tod hinderte ihn daran, sie abzuschließen.
[Nachlass] Sein Nachlass, den er mir vor seinem Tod testamentarisch vermacht hat, umfasst Dutzende von Kartons voller Aktenordner mit Vorlesungen, Manuskripten und Entwürfen, außerdem Briefe (unter anderem von Heidegger) und Tagebücher. Drei Aufsätze lagen nahezu druckreif vor, die ich gleich im Anschluss herausgegeben habe:
- Fortschrittsglaube – und was dann? Eine philosophische Betrachtung der modernen Welt, in: Stuttgarter Zeitung vom 9. Jan. 1982,
- Nietzsches Philosophie in ihrer Bedeutung für die Gestaltung der Weltgesellschaft. Der Ausbruch aus der Universitätsphilosophie II”, in: Nietzsche-Studien 12 (1983), 51-79, und
- Die Verantwortung der Philosophie als Wissenschaft oder Die Verwechslung des Einfältigen mit dem Einfachen, in: Perspektiven der Philosophie 11 (1985), 299-313.
Ferner hatte Ulmer in seinen letzten Lebensjahren mit dem damaligen Leiter des Instituts für Angewandte Systemanalyse mit Sitz in Laxenburg bei Wien (IASA) und späteren Vorstandsvorsitzenden der Kernforschungsanlage Jülich, dem Physiker Wolf Häfele, einen systematischen naturwissenschaftlich-philosophischen Dialog begonnen. Er sollte die parallelen Abstraktionsstufen in der Entwickllung von Philosophie, Physik und Technik bis in die Gegenwart erschließen und so zugleich die Zusammenhänge und Differenzen der Drei im Zugang zur Welt deutlich machen. Der Dialog zwischen Ulmer und Häfele war 1981 jedoch nur bis zur ersten von fünf Abstraktionsstufen vorgedrungen. Wolf Häfele und ich haben ihn nach Ulmers Tod fortgeführt und das Ergebnis unter dem Titel
- Bedingungen der Zukunft. Ein naturwissenschaftlich-philosophischer Dialog(1987 im Verlag Frommann-Holzboog Stuttgart-Bad Cannstatt)
veröffentlicht.
Im Jahr 2000 habe ich den Nachlass Karl Ulmers der Universitätsbibliothek Greifswald unter ihrem damaligen Direktor Dr. Hans-Armin Knöppel übergeben, um ihn einer breiteren wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 2025 hat ihn der neue Bibliotheksdirektor Christian Winterhalter an das Archiv der Universität Wien weitergegeben, an der Ulmer zuletzt gewirkt hat. Dort wird er nun fachgerecht erschlossen. Die Kontaktadresse ist:
Mag. Dr. Jan Kiepe, MA
Archivar
Universität Wien
Bibliotheks- und Archivwesen
Postgasse 9, 1010 Wien
T +43-1-4277-17216
M +43-660-8960718
jan.kiepe@univie.ac.at
http://bibliothek.univie.ac.at/archiv
Ich selbst arbeite zur Zeit an einem umfassenden Bericht zum Nachlass Karl Ulmers. Dazu mehr unter
> Aktuelles Forschungsprojekt. < verlinken mit neuer web site!
English
[Significance] Karl Ulmer (1915–1981) was a student of Martin Heidegger (1889–1976) and my teacher. For him, a completely new situation had arisen in philosophy after the two-and-a-half-thousand-year tradition of metaphysics had lost its credibility in the 19th century, the worst atrocities had befallen European humanity in the 20th century with the National Socialist regime, and Heidegger himself, perhaps because of his philosophy, had temporarily joined the National Socialist movement without ever publicly regretting this. According to Ulmer, philosophy had to give people's lives and the sciences a new founding hold. So it was necessary to start from the ground up with it. Ulmer conceived it as a “world orientation” that no longer questions, as Heidegger did, abstract being, but elucidates how people can cope with the word and its confusing diversity. Thus, Ulmer launched a first philosophy of orientation. He did this very impressively and with a high degree of personal integrity and authority. His early death as a result of a long and serious illness prevented him from completing his work on it. Even though the philosophy of orientation has since taken a different path, diverging from both Heidegger and Ulmer, they have, through their own philosophizing and their lifelong deep engagement with the great tradition of European philosophy, set high standards for the present philosophical exploration of a world that has become even more complex. Karl Ulmer’s philosophy, with which he strived to go beyond Heidegger, can be studied as an attempt to do justice to these standards in a new way. To speak with Kant, you can learn to philosophize from it.
[Life] Born in Hamburg on August 24, 1915, Karl Ulmer graduated from the highly renowned Johanneum in Hamburg. Then he was going through a serious crisis in his life and decided to study philosophy, from which he expected to find significance and stability in his life. First he studied in his hometown, then in Freiburg under Heidegger, the most distinguished philosopher of his time, and in between in Cologne, where he studied history, mathematics, and physics alongside philosophy. He always refrained himself from ideologies; he was never a member of the NSDAP or any of its branches. In the Second World War, 1939-1945, he served as an officer at the front, for a long time in Russia, and received several awards. During stays in military hospitals due to injuries and leave from the front, he managed to write his dissertation on “The Meaning of the Copula in Aristotle,” for which he received his doctorate in philosophy, also with honors, from the Faculty of Philosophy at the University of Cologne. He then worked under the same conditions on his habilitation thesis on the “metaphysical foundations of modern technology,” which was inspired and supervised by Heidegger. With Heidegger's active and clever help, he habilitated under adventurous circumstances—the city was badly destroyed and it was difficult to get together—on December 22, 1944, at the University of Freiburg. After the end of the war and the Nazi regime, he was offered an assistant position at Heidegger's chair, while Heidegger himself was banned from teaching due to his past commitment to National Socialism. In 1947, Ulmer married and had two children with his wife. The marriage was hardly compatible with his philosophical work, which took up all his time; they divorced in 1960. In 1949, he became a lecturer, in 1953 an adjunct professor in Freiburg, in 1957 he was appointed to the University of Tübingen, initially as an associate professor and in 1963 to a chair in philosophy. In 1970, he accepted a position at the University of Vienna, happy to be able to live and work in a cosmopolitan city again. In the mid-1970s, he was diagnosed with chronic leukemia. He died on April 13, 1981, in Vienna.
[Work] After his fundamental investigations into the meaning of the theoretical, practical, and technical in Aristotle and further into Galileo's breakthrough to modern mathematical natural science, Ulmer developed his own philosophy in the slim volume
- On the Matter of Philosophy (published in 1952 by Alber in Freiburg).
Here he developed his first guiding concepts for human orientation in the world: horizon and distance, standpoint and ground, sight and opening. Since Friedrich Nietzsche (1844-1900) had contributed most significantly to the disrupture of European philosophy after metaphysics, but had been understood in confusingly different ways, Ulmer devoted another very compact work to him for the sake of overview and clarity.
- Nietzsche. Unity and Significance of His Work (published in 1962 by Francke Verlag Bern/Munich).
He had first published it in two parts in 1958/59 under the title “Orientation on Nietzsche” in the Journal for Philosophical Research. At the same time, Ulmer was deeply concerned with how philosophy could serve as a guiding force for the sciences at universities, which also seemed to have lost their internal unity. He incorporated the task of giving their order a new philosophical foundation into his now comprehensive work on “pragmatic world orientation,” the
- Philosophy of the Modern Life World (1972, published by Siebeck/Mohr Tübingen).
Its initial aim was to elucidate the basic definitions of man’s “world position” and his “understanding of the world” in general. These definitions distinguish between man's “world relations” to himself, to his fellow human beings, to nature and, insofar as it is still perceived, to the divine; all of them are understood in practical, technical, and theoretical modes. This seems to be unquestionable, maybe trivial. The diverse concrete orders of human life can be understood, according to Ulmer, using Wilhelm Dilthey's (1833-1911) concepts of the “self-interpretation of life” and historically “acquired structural interrelationships.” Thus, they no longer need to be justified metaphysically. Ulmer took the pragmatic orders of social life in occupational statistics, government ministries, and the subject divisions at universities and general education schools as a foothold to test his scheme of “world paths” on them and, at the same time, them on this. In this way, philosophy may provide fundamental orientation for everyday social life as a whole.
However, the “pragmatic world orientation” was only the beginning. For Ulmer, it paved the way for the “speculative world orientation,” which he called this because philosophy must ultimately depend on its own exploration (speculatio) – not “speculation” in the negative sense – and develop its own methodological tools for this purpose. Ulmer worked tirelessly on both. His illness and early death prevented him from completing them.
[Posthumous Work] His pothumous work, which he bequeathed to me in his will before his death, encompasses dozens of boxes full of file folders containing lectures, manuscripts and drafts, in addition a lot of letters (from Heidegger, among others), and diaries. Three essays were almost ready for publication, which I published immediately:
- Belief in Progress – and then what? A Philosophical Reflection on the Modern World, in: Stuttgarter Zeitung, Jan. 9, 1982,
- Nietzsche's Philosophy in its Significance for the Shaping of Global Society. The Breakaway from University Philosophy II, in: Nietzsche-Studien 12 (1983), 51-79, and
- The Responsibility of Philosophy as a Science or The Confusion of the Simple-Minded with the Simple, in: Perspektiven der Philosophie 11 (1985), 299-313.
Furthermore, in his last years, Ulmer begun a systematic scientific-philosophical dialogue with the then director of the Institute for Applied Systems Analysis in Laxenburg near Vienna (IASA) and later chairman of the board of the Jülich Nuclear Research Center, Germany, the physicist Wolf Häfele. The aim was to explore the parallel levels of abstraction in the development of philosophy, physics, and technology up to the present day, thereby highlighting both the connections and differences between the three in their approach to the world. However, the dialogue beetween Ulmer and Häfele had only progressed to the first of five levels of abstraction. Wolf Häfele and I continued it after Ulmer’s death and published the whole work under the title
- Conditions of the Future. A Scientific-Philosophical Dialogue (1987 with Frommann-Holzboog Stuttgart-Bad Cannstatt).
In 2000, I handed over Karl Ulmer's posthumous writings to the University Library of Greifswald under its then director, Dr. Hans-Armin Knöppel, in order to make it accessible to a broader scientific public. In 2025, a new library director, Christian Winterhalter, passed it on to the archives of the University of Vienna, where Ulmer had his last chair of philosophy. There it will be professionally catalogued. The contact address is:
Mag. Dr. Jan Kiepe, MA
Archivist
University of Vienna
Library and Archives
Postgasse 9, 1010 Vienna
T +43-1-4277-17216
M +43-660-8960718
jan.kiepe@univie.ac.at
http://bibliothek.univie.ac.at/archiv
I am currently working on a comprehensive report on Karl Ulmer's posthumous work. For more information, see
> Current Research Project. < link to new website!