Aktuelles Forschungsprojekt / Current Research Project

NIETZSCHE-NACHLASS-PROJEKT / RESEARCH PROJECT NIETZSCHE’S NACHLASS:

Arbeitstitel / Working title:

Nietzsche an der Arbeit. Das Gewicht seiner Aufzeichnungen für sein Philosophieren

Nietzsche at Work. The Importance of his Notes for his Philosophizing

Nietzsches nachgelassene Aufzeichnungen werden mit Vorliebe und meist gleichrangig mit den von ihm zum Druck beförderten Werken zitiert. Aber es sind nur vorläufige Aufzeichnungen, und ihr Gewicht für sein Philosophieren ist noch immer unklar. In einem öffentlichen Streit in den 1950er Jahren behauptete Karl Schlechta, der Nietzsches Werke neu herausgab, in dessen Nachlass stehe "nichts, was denjenigen überraschen könnte, der alles das kennt, was Nietzsche veröffentlicht oder für die Veröffentlichung bestimmt hat”. Karl Löwith und Martin Heidegger hielten dagegen – in Heideggers Worten: „Was Nietzsche zeit seines Schaffens selbst veröffentlicht hat, ist immer Vordergrund. […] Die eigentliche Philosophie bleibt als ,Nachlaß‘ zurück.“ Beide Behauptungen sind aus heutiger Sicht unhaltbar. Der Streit blieb jedoch unentschieden: In Nietzsche-Interpretationen werden meist ,Stellen‘ aus den nachgelassenen Aufzeichnungen und den zum Druck beförderten Werken wahllos kombiniert.

Das Problem der Gewichtung beider gegeneinander hat große Bedeutung für das Verständnis Nietzsches als Philosophen überhaupt. Es entsprang der Nachlass-Kompilation, die Nietzsches Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, die sich nach Nietzsches geistigem Zusammenbruch in den Besitz des Materials und der Rechte gebracht hatte, und Nietzsches Helfer Heinrich Köselitz unter dem Titel „Der Wille zur Macht“ herausgaben. Es spiegelte ein unvollendetes „System“ Nietzsches in einem von ihm intendierten „Hauptwerk“ vor – in Nietzsches Nachlass sollte das System zu finden sein, mit dem er in seinen Büchern nicht fertig geworden war. Viele suchen dieses System bis heute, bald im Nachlass, bald im von Nietzsche zum Druck beförderten Werk, meist in undifferenzierter Mischung beider zu konstruieren. Aber Nietzsche hat das geplante Hauptwerk in der vorgesehenen Form aufgegeben und dem System ausdrücklich abgesagt. Ein System war ihm nicht zuviel, sondern zu wenig. Er hat anders gearbeitet und sich gerade über die herkömmlichen Systeme hinaus philosophisch von Grund auf neu philosophisch zu orientieren versucht. Das geschah beobachtbar in einem Prozess immer neuer Umformungen seiner Themen, Texte, Gedanken und Pläne in seinen nachgelassenen Aufzeichnungen, die sich nur zum Teil in Werken niederschlugen, die er meist rasch zum Druck beförderte. Anhand der manuskriptnahen Neuedition des späten Nachlasses in der IX. Abteilung der Kritischen Gesamtausgabe seiner Werke, die seit 2001 in 13 Bänden erscheint, kann man nun an Nietzsches Arbeitsprozess ein Stück weit erkennen, was er wie umgestaltet und weiterentwickelt, aber auch was er für sich zurückgehalten hat, ohne dass die Gründe dafür immer klar wären. Nietzsche lag vor allem daran, in seinem philosophischen Orientierungsprozess immer weiter zu kommen, auch über die jeweils zum Druck beförderten Werke hinaus, und er hätte seine philosophischen Neuorientierungen wohl auch noch weiter getrieben, wenn ihn der einbrechende Wahnsinn nicht daran gehindert hätte.

Inzwischen haben wir, eine jüngere Forschergruppe und ich, ein neues Paradigma in der Nietzsche-Forschung entwickelt, das Methoden bereitstellt, seinen philosophischen Orientierungsprozess Schritt für Schritt zu verfolgen und dabei seine philosophischen und publikationspolitischen Entscheidungen deutlich zu machen, das Forschungsparadigma der kontextuellen, differentiellen und genetischen oder textnahen Interpretation von Nietzsches Schriften. Es lässt, soweit das überhaupt möglich ist, von Fall zu Fall erkennen, welches Gewicht seine Aufzeichnungen in Notiz- und Arbeitsheften und auf losen Blättern für seine Philosophie einerseits, auf die er sich mit seinen Veröffentlichungen bis zu einem gewissen Grad und auf eine gewisse Zeit festlegt, und für sein Philosophieren andererseits haben, in dem er sich nie mit Festlegungen zufrieden gibt. 

Nietzsche researcher prefer to quote his posthumous notes on a par with the works he himself promoted to print. But these notes are only preliminary, and their importance for his philosophizing is still unclear. In a public dispute in the 1950s, Karl Schlechta, who re-edited Nietzsche's works, claimed that there was "nothing in his Nachlass that could surprise anyone who knows all that Nietzsche published or intended for publication." Karl Löwith and Martin Heidegger held against it – in Heidegger's words: "What Nietzsche himself published during his creative period is always foreground. [...] His true philosophy is left as 'Nachlass'." Both assertions are untenable from today's perspective. However, the dispute remained undecided: In Nietzsche interpretations, mostly 'passages' from the posthumous notes and the works promoted to print are combined arbitrarily.

The problem to weight both against each other is very important in order to understand Nietzsche as a philosopher in general. It arose from the compilation of Nietzsche's Nachlass, which Nietzsche's sister Elisabeth Förster-Nietzsche, who had taken possession of the material and the rights after Nietzsche's mental collapse, and Nietzsche's helper Heinrich Köselitz published under the title "The Will to Power". It featured an unfinished "system" of Nietzsche’s in a "main work" intended by him - in Nietzsche's Nachlass should be available the system with which he had not finished in his books. Many Nietzsche researchers try to reconstruct this system to this day, once out from the Nachlass, once out from the works Nietzsche promoted to print, usually in an undifferentiated mixture of the two. But Nietzsche abandoned the main work as he had intended it during a period of time and explicitly rejected the system. A system was not too much for him, but too little. His kind of thinking and writing was different; he tried to orient himself philosophically just beyond the conventional systems. We can observe today how this happened: in a process of ever new transformations of his themes, texts, thoughts and plans in his posthumous notes, of which only a part was transformed and embodied in the works that he used to very quickly promote to print. On the basis of the new edition of the late Nachlass in the IX. section of the Critical Complete Edition of his writings, which has been published in 13 volumes since 2001 and which presents the notes as close as possible to the manuscripts with all revisions you find there, one can now see which topics Nietzsche worked on in which way, how he reshaped and developed them further, but also what he held back for himself, without the reasons for this always being clear. Nietzsche’s creative spirit was above all interested in getting further and further in his philosophical orientation process, also beyond the works that he promoted to print. He would probably have pushed his philosophical reorientation process even further, if his breakdown had not prevented him from doing so.

In the meantime, we – a younger group of researchers and I – have developed a new paradigm in Nietzsche research, which provides methods to follow his philosophical orientation process step by step and thereby to make clear his philosophical and publishing decisions: the research paradigm of contextual, differential and genetic or close-to-text interpretation of Nietzsche's writings. It allows to see, as far as this is possible at all, case by case, what significance his notes in notebooks and workbooks and on loose sheets have for his philosophy on the one hand, to which he commits himself with his publications to a certain degree and for a certain time, and for his philosophizing on the other hand, in which he is never satisfied with determinations.